FOTOBLOG VON HANNES KRONEBERGER

 
 
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Endstation Wesenberg – Teil 4/4

 
 
 

Tag 4

Der Abend endete für mich frühzeitig. Wetter, Alkohol und Radfahren forderten ihren Tribut. Irgendwann nachts bin ich aufgewacht weil ich urplötzlich enormen Durst verspürte. Draußen vor dem Zelt war nichts zu hören, lediglich Grillenzirpen, leichtes Rauschen der Baumwipfel, und das sägenartige Schnarchen einiger Zeltplatzbesucher. Ein Blick nach oben war fantastisch: kristallklarer Himmel, ich konnte unzählige Sterne sehen. Bin richtig daran hängengeblieben. Also packte ich die Kamera aus und habe versucht das alles einzufangen – Wahnsinn.

Am frühen Morgen war es kühl und etwas feucht, man merkt sofort, dass die Seenplatte hier oben mehr Luftfeuchte erzeugt, auch der Himmel war bedeckt.
Kurz nach neun Uhr verließen wir den Zeltplatz. Es ging Richtung Wesenberg, einem fünf Kilometer entfernten Dorf mit Bahnhof. Dort angekommen verpassten wir den Ostseebummelzug um knappe zehn Minuten. Warten war angesagt, es fahren nur alle zwei Stunden Züge.

Irgendwann ist der Bummelzug dann eingefahren, Fahrräder schnell hineingeschoben, Ticket gelöst und die Heimreise geht los. Ohne Probleme sind wir bis nach Halle gekommen. Wir graben kurz in der Vergangenheit – Sachen Anhalt war bisher sehr Fahrradunfreundlich. So auch hier: wir sind bis hierher dreimal umgestiegen – lediglich ein Bahngleis wechseln und dann hinein in den Zug. In Sachsen-Anhalt ist das anders: hier muss man sich eine steile Treppe mit dem fünfzig Kilogrammrad etwa einen Meter nach oben hiefen, hinein in einen viel zu kleinen Fahrradwagon, und sich im selben Atemzug von einer – genauso hoch wie breit – Schaffnerin anblöffen lassen, dass man doch bitte irgendeinen Rettungsweg freihält, welcher frei ist, aber die Dame darauf besteht, dass die Seitentasche exakt hinter einer bestimmten Linie im Zug steht. Ohman. Das Ganze wird noch davon übertrumpft, dass ein DB-Sicherheitsbeamter mit entspannter Haltung neben der Zugtür steht, und uns gemütlich beim hineinhiefen der Fahrräder beobachtet. Das ist Service vom feinsten.

Nach einer Stunde Fahrt kamen wir in Naumburg an, wir haben bereits knapp sieben Stunden Zugfahrt hinter uns, es sollte – laut Zugplan – ein fliegender Wechsel werden. Auf Gleis zwei kamen wir an, der Anschluss war auf Gleis drei – also direkt Gegenüber. Wir haben uns schon darauf gefreut – hätten wir nicht tun sollen. Kurz vor Einfahrt nach Naumburg piepste uns die Schaffnerinstimme die freudige Botschaft zu: unser Anschluss fährt außerplanmäßig auf Gleis vier. Ist doch nicht wahr! Wir hieften also die Räder aus dem Zug, halfen noch einigen anderen Radfahrern ihre Drahtesel sicher aus dem Zug zu bekommen, und machten uns hurtig auf den Weg zu Gleis vier. Man darf vollständigkeitshalber erwähnen, dass Naumburg keinen Fahrstuhl besitzt. Also mussten wir die Räder erst Treppen hinunter, und im Anschluss wieder herauftragen.
Kluge Köpfe haben für diese Problem aber auch eine Lösung geschaffen: eine blecherne Rampe, welche direkt unter dem Geländer der Treppe verläuft. Es schiebt sich natürlich hervorragend über solch ein Hilfsmittel ein Fahrrad nach oben – zumal die Gepäcktaschen am Geländer bzw. der Wand direkt daneben hängenbleiben und schleifen. Man darf das Rad also diagonal nach oben schieben, und hoffen, dass man nicht am Geländer hängenbleibt. Eine Meisterleistung bahntechnischer Ingenieurskunst. Man sollte seine Ideen auf Praxistauglichkeit testen, oder besser noch von Radfahrern – welche die Zielgruppe sind – überprüfen lassen.

Letztendlich haben wir auch diese Hürde gemeistert, sind im Zug gelandet und haben uns bis vor die Wohnungstür fahren lassen. Es waren vier Tage anstrengender Aktivurlaub vom feinsten.

Was nehme ich aus dieser Erfahrung mit?

  • Radreisen sollte man langsamer angehen, ohne Zeitdruck
  • Sachsen Anhalt mit dem Fahrrad meiden, umgeht unnötigen Stress
  • Radfahren in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bereitet Freude
  • QuerdurchDeutschland-Ticket ist zu empfehlen
  • Ich habe meine Schreiblust wiedergefunden
  • Füllerkappen (ja ich schreibe mit Füller) sollte man nicht an Badehosen befestigen
  • man kann ohne weiteres viertausend Kilokalorien an einem Tag verbrauchen
  • mein Sattel auf dem Fahrrad ist untauglich
  • es ist schön wieder zuhause anzukommen

 
 
 
 

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