FOTOBLOG VON HANNES KRONEBERGER

 
 
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Endstation Wesenberg – Teil 2/4

 
 
 

Tag 2

Klasse Leistung könnte man denken, wir befinden uns gerade auf dem Weg nach Berlin.
Ich kann schreiben weil unser Regionalexpress mit Vollgas durch den Wald führt. Wir haben von Koschwitz den Weg zur Fähre, zurück nach Wettin, genommen. Die ersten fünfundzwanzig Tageskilometer legten wir ohne Probleme ab.
Um nicht wieder ins Städtechaos zu kommen, wählten wir eine Alternativroute um abzukürzen. Dafür mussten wir ein Stück Landstraße fahren, nach etwa zehn Kilometern bester Asphaltstraße hatten wir die Nase voll – Lkws, Autos und Motorräder zischten an uns vorbei. Ringsrum nur abgedroschene Getreidefelder, große Angriffsfläche für Gegenwind, und die ausgeschilderten Kilometer bis zum nächsten Dorf stimmten auch nicht. Die Tagesmotivation sank mit jedem weiteren Kilometer, die teils holprigen Straßen taten ihren Rest.

Nach knapp drei Stunden Fahrtzeit haben wir uns auf fünfundvierzig Kilometer gequält. Wir erreichten das Dorf, in welchem unser gestriges Tagesziel liegen sollte. Hier wollten wir die Zelte aufbauen. Es war nicht aufzuhalten, die Motivationsspirale ging stetig bergab.

Es ging noch weiter bis Kilometer siebenundfünfzig, Köthen war die Stadt unserer Träume, eine Kleinstadt kurz vor Dessau. Unser Tagesziel sollte irgendwo hinter Dessau liegen, wir lagen zeitlich, und kilometertechnisch zu weit hinten.
Die Lösung lag auf der Hand: ab zum Bahnhof und ein Stück Zug fahren – am besten bis Potsdam.

Aus Potsdam wurde Berlin, aus Berlin wurde Oranienburg.

Es fühlt sich auf der einen Seite gut an, auf der anderen demotiviert es noch viel mehr. Nach etwas über zweihundert Kilometern mussten wir schon den Nahverkehr nutzen.
Etwas positives hat diese Lage aber: wir schaffen in kurzer Zeit viele Kilometer.
Kurzerhand kauften wir ein QuerdurchDeutschland-Ticket und der Zug rumpelte los.

Ich fühle mich erschöpft, das Radeln strengt ungemein an, der vollbeladene Drahtesel macht jede Unebenheit zu einhundertein Prozent mit, Spaß hat die bisherige Tour keinen gemacht. Die Gemüter sind beide angekratzt, jeder versucht auf seine Weise damit klarzukommen, ich schreibe.
Die ersten Gedanken des Aufgebens schwirren in meinem Kopf, es war eine dumme Idee sich auf solch eine Distanz einzulassen, die Tageskilometer sind zu hoch, allgemein fährt es sich mit Zeitrdruck enorm schlecht. Aber so sind sie, die Flausen im Kopf.

Eine hübsche Melodie kündigt die nächste Haltestellenansage an, Berlin Hauptbahnhof.
Wir hoffen beide, dass die Strecke ab Oranienburg besser wird. Das wäre wünschenswert und stärkt die Moral für den weiteren Verlauf der Reise. Das Tagesziel sieht einen Zeltplatz in der Nähe von Oranienburg vor, es heißt also nochmal aufs Rad und sich orientieren.

Wir erreichen Berlin Hauptbahnhof. Ich hänge lustvoll am Fenster und schaue mir die Stadt an, ich mag Berlin, hier ist das Herz der Republik- man kann es spüren. Ich weiß nicht genau was ich daran toll finde, der Name klingt schon gut, Berlin. Zwei Silben, beginnend mit leichter Dominanz, sanft endender Wohlklang. Ich verbinde diese Stadt mit frischer, moderner Kultur, trotz das ich kein allzu großer Kulturkenner bin. Könnte mir auch gut vorstellen hier zu leben, vielleicht irgendwann einmal.

Der Hauptbahnhof ist riesig, wir müssen das Bahngleis wechseln, nutzen dafür den erstbesten Fahrstuhl, und schauen durch dessen gläserne Kabine in den Schlund des Bahnhof. Menschenmassen kommen uns entgegen, wie Vieh werden sie in alle Richtungen getrieben, in Züge gestopft, und abtransportiert. Leere Bahngleise füllen sich binnen Minuten mit Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen. Mir fällt nur ein Satz dazu ein: die Bahn verbindet. Recht hat der Marketingmensch, welcher sich diesen Spruch ausgedacht hat.

Wir erreichen unser Gleis, der Zug hat fünf Minuten Verspätung.
Nachdem der Zug in drei Sprachen angesagt wurde, rollte er ein. Es beginnt eine Stunde Fahrt nach Oranienburg.

Nun sind wir also angekommen, ein kleiner Bungalow/Caravanplatz, welcher auch für Radfahrer und eine handvoll Zelte ein Plätzchen findet. Wir befinden uns mitten am Havelkanal und die Sonne geht gerade unter.

Aber zurück zum Anfang.
Wir sind also mit dem Zug in Oranienburg eingefahren. Die Fahrt verlief problemlos, kurz vor dem Ausstieg blöffte mich ein Oranienburger etwas schroff von der Seite voll. Seine Begrüßungsworte, welche ich durch seinen Dialekt nicht verstand, brachten eindeutig Missgunst meiner Anwesenheit hervor. Grund war, dass ich beim Bremsvorgang des Zuges etwas ins Wackeln gekommen bin, und mit meinem Vorderrad seine Hose für einen kurzen Augenblick berührte. Seine Frau konnte ihn im vorbeigehen beruhigen und mich vor weiterer verbaler Demütigung bewahren.

Als ich nun leicht angesäuert den Bahnhof verlies, ging die Suche nach dem Zeltplatz los. Eine Infotafel und unsere Karte gaben uns wenig Aufschluss über den Standort. Wir fuhren ins Blaue hinein, folgten Hinweisen von freundlichen Passanten, und kamen immer weiter ans Ende von Oranienburg.
Wir fragten einen Oranienburger, welcher gerade sein Altglas entsorgte. Er antwortete mit der Frage „In Oranienburg gibts nen Zeltplatz?“ SCHOCK.

Wir gaben die Suche nicht auf, radelten, fragten, radelten, machten uns Gedanken über Wildzelten. Irgendwann haben wir wirklich den Zeltplatz, bzw. die Caravanabstellmöglichkeit mit Wiese und Wasser, gefunden. Der Standort stimmt mit der Karte nicht ganz überein, er liegt etwa drei Kilometer außerhalb von Oranienburg, und man findet ihn nur, wenn man am richtigen Ufer des Havelkanel entlanggefahren ist. Philip hat währenddessen seinem veganen Hunger die Freundschaft angeboten, aufgetischt wurde Bockwurst und Schnitzel. Bei mir gibt es gute Tütensuppe auf dem Gaskocher zubereitet. Wir lassen den Abend ausklingen, sind schließlich genug Kilometer durchs Land gereist.

 
 
 
 

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